Wandlitz 2001: Spurensuche in der Waldsiedlung

(M)ein persönlicher Reisebericht

Nieselregen auf der Autobahn Richtung Berlin, April 2001. In meinem alten DDR-Reiseführer von 1973 gibt es “Wandlitz” nicht, heute kann man das “Objekt” hoffentlich auch als “Wessi” und Ortsunkundiger etwas leichter finden. Mitten im Wald schemenhaft eine grüne Mauer - die Funktionäre hatten sich nach außen abgeschottet. Dann die Haupteinfahrt zur “Brandenburg-Klinik” - noch mit dem alten Tor und dem Wachhaus.

Das Haupt-Tor zum “Innenring” der Waldsiedlung existiert noch. Heute ist es der Eingang zur Kurklinik. (c) M.Wulf 2001

Das Tor führt zum damaligen “Innenring”, dem eigentlichen Wohnort der Politprominenz. Im “Außenring” lebten die Angestellten der Waldsiedlung, die nicht alle Zugang zum “Innenring” hatten. Übrigens sind “Außen”- und “Innenring” etwas verwirrende Begriffe, denn die beiden Abschnitte sind nicht ineinandergeschachtelt, sondern ein östlicher und ein westlicher Bereich.

Der Nieselregen hat sich in einen handfesten Schauer verwandelt. Mit der Lage-Skizze eines engagierten Wandlitz-Rechercheurs, Paul Bergner, machen wir uns auf den Weg. Prompt verlaufen wir uns allerdings und landen zunächst im “Außenring”.

Die Atmosphäre am Rande der renovierten und neu bebauten Gebiete ist bedrückend. Die alten Bauten bröseln vor sich hin, von den Kiefern tropft das Regenwasser auf den Schirm und die Kamera. Soll hier nicht irgendwo Honeckers Haus stehen? Aber uns gähnt nur eine leere Fläche mit einigen Mauer-Resten an. Zugegeben, wir haben den Plan falsch gelesen. Kommt vor.

Aber zu bedauern ist dieser Fußmarsch an den Rand des Klinikgeländes nicht - denn hier ahnt man wenigstens noch etwas vom ursprünglichen Aussehen der Siedlung. Denn auf dem Weg quer über das Gelände stellt man fest, dass überall neu und modern gebaut wurde. Das alles sieht eher nach Lego-Land aus.

Oben: Blick auf alte, noch nicht renovierte Blocks in der Nähe der damaligen “Poliklinkik” für Mitarbeiter - über den “Sportplatz”. Hier ist die Zeit noch stehen geblieben. Rechts: Hier wurde überall neu gebaut. Lego-Land lässt grüßen! (c) M.Wulf 2001

Wir wandern quer über das Gelände und gelangen so von hinten in den “Innenring”. Dort kommen wir auch am ehemaligen “Funktionärsclub” vorbei.

Alter “F-Club”, heute Klinikgebäude. (c) M.Wulf 2001

Hier hatte kurz nach der Wende das DDR-Jugendfernsehen “Elf99” die legendären Bilder vom Schwimmbad und dem “Luxus” der Bonzen gedreht. Nach Luxus sieht das alles nicht aus, aber für DDR-Maßstäbe wirkt der “F-Club” auch nicht gerade bescheiden. Das Gebäude wird jetzt von der Klinik genutzt. Rundherum ist Kurpark-Stimmung. Die Atmosphäre in der Waldsiedlung muss anders gewesen sein. Eher wie in einem alten Spielfilm über “Mord am Gartenzaun”. Natürlich in Schwarz-Weiß.

Nun ist es nicht mehr weit bis zu den beiden Stichstraßen, in denen die Wohnhäuser der Mitglieder des Politbüros standen. Damals hatten die Straßen keine Namen, die Häuser waren einfach durchnumeriert. Nach dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 machte sich die DDR-Führung verstärkt Gedanken darum, wie man sich in solchen Fällen besser schützen konnte. Außerdem war der Platz zum Ausbau mitten in Berlin - die Prominenz wohnte in Nieder- und Hohenschönhausen - begrenzt. Und Freiluft-Fanatiker Ulbricht wollte “Wasser” und “Wald”. So fiel die Wahl schließlich auf das Gebiet in der Nähe des Ortes Wandlitz. Ab 1958 wurde gebaut. 1960 waren die 20 Häuser bezugsfertig.

Das größte Anwesen bewohnte der Ministerpräsident, zunächst also Otto Grotewohl. Später zog in “Haus 1” Familie Stoph ein. Die übrigen Häuser hatten alle einen etwas kleineren Grundriss und bescheidenere Ausmaße. Die Wohnhäuser liegen in drei langen Reihen nebeneinander gestaffelt. “Wie Streichholzschachteln aufgereiht”, so hat Vera Oelschlegel es beschrieben. So liegen sie auch heute noch da, frisch in hellem Gelb gestrichen. Honeckers zogen in Haus 11 ein - die heutige Adresse lautet “Habichtweg 5”. Die Beschilderung ist eindeutig - und doppeldeutig. “Psychosomatik” passt irgendwie. Das erste Haus in der Reihe gehörte zu Ulbricht (später: Schürer), direkter Nachbar zur Linken war Joachim Herrmann. Die Ruhe schmerzt nach der Autobahn-Fahrt langsam in den Ohren. Da auch damals in der Siedlung nur leise und ausnahmsweise Motoren tuckern durften und die Tannen noch nicht auf Kurklinik-Maß “gelichtet” wurden, war es sicher unheimlich still. Und das nicht weit von Berlin entfernt.

Ironie der Geschichte: Hier geht es zu Honeckers Ex-Wohnhaus. (c) M.Wulf 2001

Aus dem Habichtweg kommt uns eine russische Familie entgegen. Gäste oder Neugierige? Jedenfalls komme ich mir plötzlich wie ein Tourist vor, der die Überreste eines diktatorischen Regimes besichtigt. Pietätlos den Opfern gegenüber, schießt es mir durch den Kopf. Aber wenn ich jemals verstehen möchte, wie dieses Regime funktionierte und wie sein Chef “tickte”, dann ist diese Tour auf jeden Fall eine richtige Entscheidung - ich möchte mir selbst zumindest einen gewissen Eindruck verschaffen..“Honeckers Haus” ist nicht gekennzeichnet, keine Tafel verweist auf die Geschichte. Aber das wäre vielleicht auch zu sehr Ehrung statt Mahnung?

Habichtweg 5, einst “Haus 11” - Honeckers Wohnhaus. (c) M.Wulf

Die Häuser sahen zu DDR-Zeiten grauer aus. Heute wirkt auch Haus 11 wie gerade frisch gestrichen, aufgeräumt und reichlich “zuckrig”. Obwohl der Nieselregen sein Bestes tut, der Phantasie auf die Sprünge zu helfen, fällt das Versetzen um mindestens 10 Jahre zurück schwer. Das Haus ist nicht groß und ganz sicher nicht protzig. “Luxus” ist auch zu hoch gegriffen, aber zu verachten - vor allem nach DDR-Maßstab - ist es nicht. Als “kleinbürgerlich” möchte ich es nicht unbedingt herunterspielen. Etwas mehr Wald drumherum (der ist mittlerweile arg ausgedünnt), und es hat etwas von einem “Hexenhaus”.

Die Fenster ballen sich etwas seltsam um die überdachte Tür und lassen rechts und links große leere Wandflächen. Im Keller hat angeblich Honeckers bissiger Cockerspaniel “Klecksi” gehaust. Links neben dem Eingang lag die Küche, rechts ein Gäste-WC. In der ersten Etage sieht man von links nach rechst die Fenster von Bad, Halle und Mädchenzimmer. Schade, dass die hohen Kiefern nicht sprechen können. Jedenfalls hätte man von den vorderen Fenstern aus direkt den Familien Krenz und Kleiber in der nächsten Parallelstraße auf die Terrasse gucken können - wenn nicht das Dickicht vor neugierigen Blicken geschützt hätte. Übrigens ist die Frage noch immer nicht abschließend geklärt, ob die Funktionäre auch in ihren Häusern vom MfS abgehört wurden - dazu gibt es widersprüchliche Aussagen.

Hinten im Garten. (c) M.Wulf 2001

Honeckers Haus: Eingangsbereich (c) M.Wulf 2001

So sieht es hinten in Honeckers Garten aus. In der hinteren linken Ecke steht auch noch ein marodes Gartenhäuschen - ob Honecker das je genutzt hat? Ein Eichhörnchen hoppelt gemächlich über den Rasen - wie putzig, wie idyllisch.... Gab es eigentlich sozialistische Gartenzwerge? Die hätten gut hierher gepasst. Aber die Frage ist zugegebenermaßen zynisch.

Und ein letzter Blick auf die Rückseite des Hauses. Sieht alles harmlos-normal aus. Im oberen Stockwerk lagen von links nach rechts Gäste-, Arbeits- und Schlafzimmer (mit Balkon). Unten waren ein Wintergarten, das Wohnzimmer und ein “Speisezimmer” untergebracht.

Blick auf die Südseite des Hauses. (c) M.Wulf 2001

Fazit: Dass hier nicht der “Luxus” zu finden ist, zu dem in Berichten der Wendezeit so viel zu lesen war, war schon vorher klar. Dass die Waldsiedlung eher den Charakter einer kleinbürgerlichen Spießer-Siedlung hatte, trifft es eher. Für DDR-Verhältnisse waren das hier sicher keine bescheidenen Hütten. Um es mit Stefan Wolle zu sagen: “Die heile Welt der Diktatur”. Das zu sehen, lohnt schon den Besuch.

Reise- und Literaturtipp

In der Waldsiedlung findet sich nirgends ein Hinweis auf die Vergangenheit der Gebäude. Um auf dem weitläufigen Gelände nicht ziellos umherzuirren, sollte man sich unbedingt mindestens mit der Broschüre “Die WaldSiEDlung” (für 5,-DM) ausrüsten. Dort findet sich ein detaillierter Plan. (Achtung! Genau die Bedeutung der gelben und schwarzen Zahlen in der Legende studieren, um nicht in die falsche Ecke zu laufen!) Wer mehr wissen will (z.B. wie die Häuser früher aussahen, wo die Bunker lagen etc.) ist mit dem gleichnamigen Buch für 24,80 DM gut bedient. Es ist zwar etwas wirr geschrieben, aber bisher das “Standardwerk”. Beide Bücher werden von Autor Paul Bergner im Selbstverlag vertrieben (http://www.die-waldsiedlung.de).

[Home] [Erich] [Margot] [Sonderseite] [Literatur] [Links] [Impressum]

(c) 1999-2005 honecker-im-internet

BuiltWithNOF