Was hatte Honecker mit dem Mauerbau am 13. August 1961 eigentlich genau zu tun? Was waren seine Aufgaben? Wer gehörte noch zum Planungskreis? Wer fällte die politischen Entscheidungen?
Seit wann wurde geplant? Wie lief der Bau ab?
Wie reagierten die Menschen?
Was waren die Folgen für Honeckers Karriere innerhalb der SED-Nomenklatur?
Wie rechtfertigte Honecker den Bau?

Lesen Sie hier mehr über die Errichtung des "Antifaschistischen Schutzwalls" und seinen Bauherrn!

Honecker: “Mauer-Bauer”?

Vorbereitungen

Der 13.August 1961

Nachbereitung

Rechtfertigungen

Honecker: "Mauer-Bauer"?

Die politische Entscheidung über den Bau der Mauer fällten andere: Während die Planungen schon lange liefen, fiel das endgültige Ja zum "Antifaschistischen

Schutzwall" während der Tagung der Ersten Sekretäre der Kommunistischen Führungsparteien des Warschauer Paktes vom 3.-5. August in Moskau. Walter Ulbricht hatte Chruschtschow ein entsprechendes Konzept vorgelegt, um die Fluchtwelle aus der DDR zu stoppen.

Dennoch war eben Honecker derjenige, der die Planungen leitete und umsetzte. Als zuständiger ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen fiel dies in seinen Aufgabenbereich.

Er hatte die Einsatzpläne erstellen lassen und koordinierte die gesamte Aktion - das betraf nicht nur den organisatorisch-militärischen Bereich, sondern auch die begleitenden Propaganda-Maßnahmen.
Und die Vorbereitungen liefen schon lange auf Hochtouren...

Der Mauerbau wurde streng überwacht.
Quelle: Proske: Die Mauer.

Karikatur aus den 70er Jahren

Ulbricht (links) über Honecker (rechts): “Der Golläge Honegger mauert noch schneller”. Mehr Karikaturen...hier.

Vorbereitungen

Vermutlich schon seit Mai/Juni 1961wurden konkrete Pläne geschmiedet. Nur ein kleiner Zirkel in der SED-Elite wusste von dem Vorhaben. Zu Honeckers direktem Planungs- und Führungsstab gehörten Willi Stoph, Paul Verner, Heinz Hoffmann, Erich Mielke und vermutlich auch Alois Pisnik, Erster Sekretär des Parteibezirks Magdeburg.
Sowjetische Berater unterstützten diesen Stab in seinen Planungen.
Besonders riskant war nicht nur die Menge der Grenztruppen und Arbeiterkampftruppen, die an die Sektorengrenze rücken musste - und das nicht nur wegen der Provokation gegen den Westen. Damit alles bis zum letzten Moment geheim bleib, wurden viele Bauarbeiter kurzerhand schon einen Tag vorher eingezogen und durften nicht nach Hause.
Unkalkulierbar war auch, wie die Arbeiterkampfgruppen bei möglichen Zusammenstößen mit der Westberliner Polizei reagieren würden: Sie waren zwar durch Manöver und Übungen geschult, aber nicht im Einsatz erprobt.
Deswegen legte der "Mauer-Bauer" einen der Planungsschwerpunkte auf die Betreuung der Truppen.

Am 12.August unterzeichnet Ulbricht den Befehl. "X-Zeit" (d.h. Einsatzzeit):
Sonntag, 13. August, 01.00 Uhr.
Um 0.00 Uhr wurde Alarm gegeben...

”Selbst der Uneingeweihte wird annähernd ermessen können,welch immensen Umfang an Vorbereitungsarbeit, an Organisation des Zusammenwirkens, an politischer Reife und militärischer Sachkunde vonnöten war,um diese Sicherungsaktion schnell, entschlossen und für den Gegner völlig überraschend durchzuführen."

- Armeegeneral Heinz Hoffmann, zehn Jahre nach dem Bau der Mauer (aus: Lippmann, S.189) -

Der 13. August 1961

Der zentrale Planungsstab hat sich schon am 12. August gegen 23 Uhr im Ost-Berliner Polizeipräsidium eingerichtet.
Um 01.00 Uhr beginnt die DDR-Volkspolizei planmäßig mit der Sperrung der Sektorengrenzen nach Westen.
Um 01.11 Uhr meldet die Ost-Berliner Nachrichtenagentur ADN: Zur "verläßlichen Bewachung" und "wirksamenKontrolle" an den Westsektoren habe die DDR Maßnahmen ergriffen, um die "Wühltätigkeit" revanchistischer und militaristischer Kräfte Westdeutschlands und Westberlins".
Pioniereinheiten legen Stacheldraht aus, das Pflaster wird aufgerissen, mit weißer Farbe der Verlauf der Mauer auf den Boden gezeichnet. Die Baueinheiten rücken an: Mit Ziegelsteinen und Asphalt wird die erste - noch provisorische - Absperrung errichtet.
Honecker rotiert, fährt von einem Ende der Sektorengrenze zum anderen, hält kleine Reden, die die Truppen aufmuntern sollen.
In den kommenden Tagen geht der Bau der Mauer weiter, nun rücken Pioniere und FDJ-Mädchen an, die Blumensträuße an die "Kämpfer und Kommandeure" verteilen, um die Moral zu heben.
Honeckers Meisterstück ist gelungen - der Westen wurde vollkommen überrumpelt, die Grenze schnell hermetisch abgeriegelt.
Den Preis für sein Meisterstück mussten nicht nur die Bürger der DDR zahlen, die fortan gründlich nach Westen hin abgeschirmt und eingesperrt waren, sondern vor allem die vielen Opfer, die an der tödlichen Grenze starben, als sie versuchten, sie zu überwinden. Von den über 900 Toten an der gesamten Grenze starben über 200 allein an der Mauer in Berlin.

Beispiel für eine politische Argumentationsrede während des Mauerbaus. Wer die Rede hielt, ist leider nicht dokumentiert.
Quelle: Scholze/Blask: Halt! Grenzgebiet!

Nachbereitung

Mit dem Bau der Mauer war es nicht getan. Die Stimmung in der DDR-Bevölkerung war mehr als schlecht, wie die geheimen Informationsberichte meldeten.
Die SED ging nun mit Zuckerbrot und Peitsche vor, um die Menschen zu beruhigen. Die Bautruppen und Grenzer, die oft psychisch durch den Einsatz angeschlagen waren, wurden mit Belobigungen und Dankesbekundungen aus Betrieben und der FDJ überschüttet, ihr Einsatz in Liedern und Texten heroisiert.

Die Peitsche hingegen bekamen die sogenannten "Provokateure" zu spüren.
Über 3000 Menschen wurden allein bis zum 4. September 1961 wegen "staatsfeindlicher Hetze" und "Staatsverleumdung" verhaftet.

Und um die "Grenzsicherung" perfekt zu machen, wurde auf Sitzungen des Politbüros am 22. August und des "zentralen Stabes" am 20. September weitere Maßnahmen beschlossen."Wenn erforderlich", sollten Gesetzesverletzer "durch Anwendung der Waffe zur Ordnung gerufen werden" , hieß es am 22. August im Politbüro.
Und Honecker als Leiter des "zentralen Stabes" hat folgenden Beschluss zu verantworten:
"Gegen Verräter und Grenzverletzer ist die Schußwaffe anzuwenden. Es sind solche Maßnahmen zu treffen, daß Verbrecher in der 100-m-Sperrzone gestellt werden können. Beobachtungs- und Schußfeld ist in der Sperrzone zu schaffen."
Der Befehl Nr.76/61 vom 06. Oktober 1961 bestätigte den Schusswaffengebrauch an der Grenze förmlich.

Für Honecker bedeutete die reibungslose Durchführung nicht nur eine Festigung seiner Stellung als "Kronprinz". Auch sein Ansehen als Organisationstalent in Moskau hob sich beträchtlich. Und im Westen blieb das Bild von Honecker als "Mauer-Bauer" noch bis Mitte der 70er Jahre prägend, bis es in der Verständigungs-Versenkung verschwand, um erst wieder nach der Wende aufzutauchen

Stück der Berliner Mauer, genannt “Bloody Erich” (c) MPP

Rechtfertigungen

Der Bau der Mauer wurde von Beginn an von der SED als "Schutzmaßnahme" gegen den Westen dargestellt, und Honecker bewegt sich in seinen Rechtfertigungen natürlich auch auf dieser Argumentationslinie.

Bis zuletzt verteidigte er die Mauer, die zum Symbol der Unterdrückung der DDR-Bevölkerung und der Spaltung zwischen West und Ost wurde.
In seiner Biographie von 1980 blickt er stolz auf seine "Leistung" am 13. August zurück:
"Später konnten wir befriedigt feststellen, daß wir nichts Wesentliches unberücksichtigt gelassen hatten. [...] Damit begann eine Operation, die an dem nun anbrechenden Tag, einem Sonntag, die Welt aufhorchen ließ."
Und als die Mauer schließlich 1989 fiel, brach für den entmachteten Honecker eine Welt zusammen:
"Ich war tief erschüttert davon. Im übrigen war das bereits ein Akt, der praktisch die DDR liquidiert hat."
(Andert/Herzberg, S.39)

Graffiti an der Mauer (West):"ERIHC, GIB DEN SchLÜSSeL her"
Quelle: Proske: Die Mauer

"Wer will heute bereits schlüssig und verantwortungsbewußt sagen,
wie Europa und die Welt ohne den 13.August 1961 aussehen würden?"

-Erich Honecker 1991-
(Moabiter Notizen, 1994, S.94)

 

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